Mein Jakobsweg

Wie ich nach Santiago und ans Ende der Welt stolperte
Hier werde ich nach und nach von meinen Erfahrungen auf dem Camino berichten.

Ausrüstung
18kg Gepäck + 2kg Wasser
Unter anderem hatte ich solche Regensachen dabei, dass ich ohne Probleme (Ausnahme ABC-Maske) einen thermonuklearen /biologisch-chemischen Angriff überlebt hätte, hinter Santiago hat es sich dann ja auch bewährt

Rucksack: Billigmarke, der das Laufen erschwehrt und die Atmung behindert
Schuhe: Meindl Atlanta GTX, Topqualität
Kleidung: OCK Hose + Trigema Tshirts
Wanderführer: Spanischer Jakobsweg, Cordula Rabe, Bergverlag Rother. DAS Buch für den Camino!

Verluste: 1x Duschgel, 1x Pullover, 1x Gürtel, 1 Paar Socken(verbrannt), 7kg Körpergewicht

Strecke
Laufleistung: 900km
Dauer: 6 Wochen

Expeditionstagebuch

10./11.7.
Stuttgart -> Paris -> Bayonne -> St. Joan-Pied-de-Port -> Auberge Orrison
18h / 3h
1200km / 5,5km
Der wohl langsamste Tag meiner Reise.
Nach 3 Stunden und 5 km mach ich doch tatsächlich schon schlapp. Diese erste Strecke ist auch die härteste. Man steigt aus dem Zug aus und muß glaich mal Klettergeschirr bereitlegen, denn es gilt die Eiger Nordwand zu erklimmen.
Dafür hab ich auch gleich als Belohnung mit 14,- die teuerste Unterkunft meines gesamten Caminos genommen. Und eine Gestalt kennengelernt, die mich noch weit begleiten wird. Zwischen 50 und 60 Jahre, seit 2 Jahren 17000 km auf den Caminos unterwegs gewesen. Auf Spende eines Kaffees hin trägt er sämtliche gute Herbergen für die nächsten 900km in meinen Rothen ein. Dabei erzählt er mir seine Lebensgeschichte..krasse Sache das, werd diese hier aber nicht reinschreiben. Jetzt ist er auf dem Weg zurück nach Deutschland. Hoffe mal, er schreibt bald ein Buch über den Camino. Jedenfalls gibt er mir den Satz mit auf den Weg:“Jeder geht seinen eigenen Camino!“. In der Herberge waren dann auch Susan, Sophia und Judith, die 3 Ungarinnen, mit denen ich die Nacht im Zug von Paris aus verbracht hab, mit dem Phänomen, dass mich die nächsten 6 Wochen begleiten wird: Zu Kurze Betten. In Paris selbst hab ich einem Mädel aus Nancy das Metrosystem erklären dürfen. Lustigerweise war sie auch nach St.JPdP unterwegs. Allerdings um dort zu unterrichten.
In der überteuerten Herberge werde ich in ein Zimmer mit 45 Scheintouristen aus Frankreich einquartiert. Ich hab allerdings Glück gehabt, denn die Ungarinnen müssen draußen in einem Zelt übernachten, bei Saukälte und Naßregenwetter.

12. Juli
Auberge Orrison -> Roncesvalles
5h
17,3km
Der Tag ging so weiter, wie der Letzte aufgehört. Bergauf. Meine Kondition war jedoch schon nach wenigen hundert Metern den Bach runter. Wobei es hier, außer Nieselregennebel keine Wasserquelle gab. Somit war ich recht froh, 2kg Wasser mitzuschleppen. 10 Schritte laufen, verschnaufen, Schluck Wasser trinken, 10 Schritte laufen, verschnaufen, etc. Unter meinem Poncho hat sich inzwischen schon eine eigene Klimazone stabilisiert. Tropisch. Da ich weder des Spanischen noch Französischen mächtig bin, kann ich den besorgten Pilgern, welche an mir vorbeiziehen und mich irgendwas fragen, nur ein „Esta bien“ entgegenkeuchen. Sprachengemisch. Irgendwo auf der Wiese oben am ersten Passgipfel verliert sich der Weg. Stapfe frohgemuts viel zu hoch und muß wieder zum Rolandsbrunnen runterkraxeln. Dieser läßt tröpfelnder Weise meine Wasserflaschen befüllen. Törchen durchschreiten, jetzt bin ich in Spanien. Woran man das erkennt? Der erste Pfosten mit Pfeil hat die Einkerbung „ETA“. Nur keine Panik. Alles halb so wild. Jetzt folgt ein herrliches Waldstück, welches ich sehr schnell meistere, bis es wieder einen Gipfel zu erklimmen gilt. Nimmt das denn gar kein Ende? Aber was ist denn das? Die Sonne kommt zum Vorschein. Von nun an gehts Bergab. nach 1,5h auf einer Straße watscheln tun mir die Beine richtig weh. Und was sehe ich dort hinten? Bruchtal? Nein, das Kloster! Herrlich. Stempel geben lassen, „Dormire aqui?“ und schon hab ich ein Bett. Hurra.Ui, 3 französische Mädels machen hier auch Halt. Sehr schön. Kartoffelsuppe und Fisch mit Pommes als Pilgermenu. Koch wohl Engländer.
Ab sofort werd ich Gegner des 2. Vatikanischen Konzils. Gottesdienst auf Spanisch? Kann dem überhaupt nicht folgen. Latein wäre in allen Kirchen angebracht! Wieso können alle Salve Regina auswendig?
Die Unterkunft ist eine ausgeräumte Kirche romanisch gotisch. 100 Leute können hier in den Stockbetten locker untergebracht werden. Keine Heizung, große Kälte. Wieso hängt an der Wand zu den Duschen eine Karte der Niederlande? Und weshalb versuchen die Spanier mir hier schon das Duschgel zu klauen? Außer 2 Buben aus Köln gibts nur Österreicher. Italiener, Franzosen und Spanier zählen ab sofort nichtmehr, die sind vorhanden, wie die Fliegen.

13. Juli
Roncesvalles -> Zubiri
6h
21,2km
6 Uhr, das Licht geht an. Huch, bin ich zu spät? Wahrlich, es gibt hier einige Wahnsinnige, die sind schon fort. So früh, in der Dunkelheit, bei der Kälte. Kein Problem, die werden alle noch eingeholt. Der Ort ist immernoch nebelverhangen. Poncho um und losgestiefelt. Schön, keine Berge, nur Feldwege mit Schafsresten. Von wegen. 2x muß ein „Alto“ überquert werden. Raufraufrauf, die treppe rauf..nicht ganz, aber im 10Schritte Stil geht es wieder durch Waldwege über 7 Hügel. Und ganz neu, angelegte Betonstraßen. hurra. Was vormals ein weicher Waldweg war ist nun sauber zubetoniert. Die Knie werden weich. Familien überholen mich. An riesigen Rolandssteinen vorbei gehts nun steil bergab. richtig steil. richtig bergab. Als Dreingabe kommen nun auch Fahrradfahrer auf ihren Mountainbikes von hinten angebraust. Sekunden der Entscheidung. Beim Überqueren einer Straße wird ein verdutztes Heilbronner Ehepaar, unterwegs mit ihrem Wohnmobil, mit einem freundlichen „Grüß Gott“ gegrüßt. Und immer weiter den Berg hinab. Von hinten Geräusche, die ich noch richtig verachten werde:“Klack Klack“ Stockwanderer! Besser: Teleskopskistöcke! Auch mein Gehtempo wird nun schneller und schneller. Autsch. Ist das da unten Zubiri? ja, ist es. Rechts über die Brücke, Links den Hang, welchen ich morgen erklimmen muß, schau ich kurz entsetzt an. Ab in die Herberge. Altes Schulhaus, 6,-, krass überteuert, kaum sanitäre Anlagen. Wäsche waschen. warten. warten. Jetzt macht endlich das faule spanische Pack wieder die Läden auf. Thunfisch, Salami und Käse eingekauft. Was für ein Schmausen. Dabei sitzen hier am Tisch außer den tausend Fliegen die 3 Französischen Mädels. Was die eine anhat ist schon phänomenal: ein Netz und einen schwarzen String. Sonst nix. Herrliche Zeiten. Anaid mit Schwester und Freundin sind dabei ihre Blasen zu behandeln, schwere OP, Fäden durchziehen. Das schreit richtig nach Infektion. Ich hab mir auch Blasen zugezogen. Drecksklapperstorch. Direkt unter beiden großen Zehen an den Ballen. Macht nix, muß man durch. Ein hüpfender Ungar ist auch hier, hat wohl noch zuviel Energie. Dem Franzosen und Österreicher muß ich mal erklären, dass grad San Fermin in Pamplona ist. Daher werde ich morgen nicht in die Stadt gehen. Macht wenig Sinn, ohne Alk zu trinken.

14. Juli
Zubiri -> Trinidad de Arre
4,5h
16,8km
Kazonga, 2Fast4 und Floriel haben noch Witze gemacht. Aber was seh ich hier? Wirklich, heute hab ich einen Pilger überholt, der mit Schubkarre unterwegs war. Sah recht verwegen aus. Zog hinter sich ein kleines Wägelchen her. Fehlte nur noch, dass das Rad quietscht. Körperlöich hat mir die heutige Strecke wieder zugesetzt, aber geistig hätte ich noch weitergehen können. Jedoch ist noch San Fermin in Pamplona. Deshalb sind die ersten heute morgen wohl schon um 4 Uhr losgelaufen. Verrückte Brüder. Leider sind nun auch die 3 Französinnen an mir vorbeigezogen. Ich raste nun in Trinidad de Arre. Bilder des Klosters hab ich nur von innen gemacht(1 – 3). Im Garten hab ich ein Plätzchen unter dem Kirschbaum gefunden, welcher mir, ohne meine Sitzposition zu ändern, den ganzen Nachmittag Schatten spendet. Das nenn ich mal Luxus. Ansonsten sind hier nur alte Leute. Von meinem Standpunkt aus. Mark, der Amerikaner, beide Knie im Verband, die beiden Irinnen, Holländer ohne Wohnwagen, ein kettenrauchender Irgendwas, welcher mehr Dinge in einen Block schreibt, als ich. Außerdem hab ich meine erste Härteprüfung hinter mir. Im Supermarkt will eine Bierinsel mich mit Sirenengesang in den Abgrund locken. Doch auch hier kann ich mich, dank mentaler Superkräfte, den Verlockungen widersetzen.

15. Juli
Trinidad de Arre -> Cizur Menor
3,5h
8,8km
Venedig im Hochsommer. So läßt es sich am besten umschreiben. Selbst während der WM in unserem Lande ist mir sowas noch nicht untergekommen. Eine Stadt, die komplett nach Pisse und Kotze stinkt. Die Dunstglocke schwebt und drückt auf die Stadt. Pamplona. Ein Franzose hat mit seinem Handy ein paar Videos gemacht. Massenorgie. Überall. Alkoholleichen in jeder Gasse. Da veschlägts mich in die Catedral. Aber hier sind Absperrungen. Egal, mit Rucksack ganz nach vorne gehen. Oh, was machen die da? schnell in eine Bank reinsetzten. Ist wohl grad Gottesdienst hier. Weshalb sollte sonst die Schar Priester einziehen? Aber außer 3 alten Menschen und mir nimmt keiner teil. Am Ende sitzen hinten noch Pilger, die sind aber zu schüchtern, sich während der Kommunion nach vorne zu trauen. Da ich nix vom Gottesdienst verstehe und auch nicht weiß, wo wir gerade sind, immer wieder werde ich bestätigt, dass das 2. VK kompletter Unsinn war, fang ich nun an den georgschen Rosenkranz zu beten. Dieser wird im Laufe meiner Pilgerreise noch ausgebaut werden, besteht aber zum Großteil aus Ave Maria und Vater Unser. Nach der Messe streun ich noch so ein bißchen durch die Straßen, stinkt mir aber zusehr, somit verschwinde ich Richtung südwesten aus der Stadt. Cizur Menor. Malteserorden. Schlafplatz in der Kirche (4 – 7). Nach und nach gesellen sich immer mehr Gestalten in die Unterkunft. Mark ist hier, Michael, der paddelnde Österreicher zieht weiter, Tim, der Brite kommt hinzu, Marie, die Dänin, hat die Nacht in Pamplona durchgemacht und schläft schon, 2 sportliche spanische Mädels, Spanischer Vater mit Sohnemann, Hayden und Maria, die Neuseeländer „Kiwis“, der Kapitän, argentinisch schwedischer Abstammung, und Tato, der Mexikaner. DIe schlafen auch ale in dre nun geöffneten Kirche. Mir ist die allerdings zu frisch, ich hab ja nur meinen Schlafschal dabei. Der Innenraum ist etwas größer, als in der Sigismundkapelle in Oberwittighausen. 2 Mädels aus Deutschland sind nun auch angekommen. Was machen die? bestellen sich gleich ne Pizza. Dabei würde denen mal schmale Kost recht guttun. Ich bekomme nun vom „Käptn“ Bier angeboten, muß es aber ausschlagen. Wie noch sehr häufig auf meiner Reise. Dafür bekomm ich Essen von einem Italiener, glaub Stephan hieß der, und einem französisch Spanier namens Juan. Abgeschlossen wird dieser Tag von einem richtig heftigen Hagelschauer. Der Herbergsvater bringt sogar sein Auto in Sicherheit. Die kleine Karre trägt doch tatsächlich von den Hagelkörnchen einen Blechschaden weg. Und die ankommenden Radfahrer machen keinen so glücklichen Eindruck. Geschieht ihnen aber auch recht so! Im Laufe der Zeit werde ich noch eine ordentliche Aversion gegen diese Unfruchtbarkeitsmaschinen entwickeln.
Jedenfalls sind durch diesen Tag erstmal die Hauptpersonen vorgestellt worden, welche mich den Weg über begleiten werden. Nach und nach finde ich immer mehr über sie heraus.

16. Juli
Cizur Menor -> Ermita de Nuestra Señora de Eunate -> Obanos
6h
20,3km
Der Tag der neuen Schritte. Kurz vor Sieben Uhr morgens ohne Frühstück losgelaufen und schneller auf dem Alto del Perdon angekommen, als ich gedacht hatte. Leider war die Aussicht, die von dort oben Phänomenal sein soll etwas vom Nebel getrübt.
Ich seh jedenfalls schon Obanos, oder bilde es mir ein, im Süden in der hügeligen Landschaft mit den paar kleinen Dörfen die Umrisse ausmachen zu können. Weshalb bin ich nun so schnell hier hochgekommen? Ich sag nur eins: augsburger Puppenkiste. Mir ging einfach das Lied nichtmehr aus dem Kopf:“Zwo drei vier marschieren wir, im schnellen Lauf, Berg hinauf, oben dann alle Mann schaun mit List wo Feind ist..dann geht es klepper schepper depper rollroll, jawolljawoll, jawolljawoll, dann geht es klepper schepper depper rollroll, jawoll, jawoll, jawoll“
:))Da legt man schonmal einen Zahn zu.
Den Hügel hinunter hab ich mich dann auf beste Vulkanschrittweise bewegt.
Sich einfach von der Schwerkraft ziehen lassen, nicht bremsen und von Stein zu Stein hüpfen. Eigentlich eine nicht zu empfehlende Art der Fortbewegung, schon garnicht auf den Geröllfeldern. Einmal nicht aufgepaßt und der 20kg Rucksack bricht dir sämtlich Knochen.

17. Juli
Obanos – Estella/Lizarra
6h
26,8km

Ergebnisse

Aus medizinisch biologischer Sicht gibt es jetzt keinen Grund mehr, weshalb es die Menschheit nicht zum Mars schaffen sollte. Nach Jahren in der Mikrogravitation ist es mir gelungen, 6 Wochen ohne medizinische Versorgung zu überleben und dabei äußerste Strapazen auf mich zu nehmen.

„The Camino is like a Tom Clancy Novel..in 20 seconds you are gone..and no one will notice..“ (Hayden)
„Once you’ve gone Vatican, you never go back again“ (Homer Simpson)

Gott teilt meine Art Humor, siehe 23.7.

Eine Antwort auf Mein Jakobsweg

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